Ligeia und andere Novellen; Sieben Gedichte

By Edgar Allan Poe

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grauen Steine --
Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit
Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz
Für mich und für das Schicksal übrig ließ?

»Nicht alles --« geben mir die Echos Antwort --
»Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen --
Und laute Klänge -- ewig von uns auf,
Von allen Trümmern zu den Weisen auf,
Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne.
Wir leiten alle riesenhaften Geister!
In unumschränkter Macht beherrschen wir
Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen.

Wir sind nicht leblos -- wir erblichnen Steine.
Nicht alle Macht ist hin -- nicht aller Ruhm --
Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes --
Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt --
Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen --
Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand
Uns rund umhängt und überall bedeckt
Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit!«




DIE STADT IM MEER


Weh! wunderliche einsame Stadt,
Drin Tod seinen Thron errichtet hat,
Tief unter des Westens düsterer Glut,
Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut
In letzter ewiger Ruhe ruht.
An Schlössern, Altären und Türmen hat
(Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)
Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.
Von Winden vergessen, die wühlen und heben,
Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

Kein Strahlen vom Himmel kommt herab
Auf jener Stadt langnächtiges Grab.
Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf,
Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf,
Hinauf an Türmen bis zum Knauf,
Hinauf an Palästen, an Zitadellen,
An Tempeln hinauf und an Babylonwällen,
Hinauf an vergessenen Laubengängen
Mit eingemeißelten Fruchtgehängen,
Hinauf an manchem Opferstein,
Auf dessen Friesen zu engem Verein
Verflochten Viola, Violen und Wein.

Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

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EDGAR ALLAN POE LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN SIEBEN GEDICHTE EDGAR ALLAN POE LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN ÜBERSETZT VON GISELA ETZEL SIEBEN GEDICHTE ÜBERSETZT VON THEODOR ETZEL MIT VIERZEHN BILDBEIGABEN VON ALFRED KUBIN BERLIN / IM PROPYLÄEN-VERLAG Alle Rechte vorbehalten Copyright 1920 by.
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in Berlin LIGEIA Und es liegt darin der Wille, der nicht stirbt.
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Um mich näher zu erklären: jenes Gefühl erfüllte mich zum Beispiel beim Anblick einer schnell emporschießenden Weinrebe, bei der Betrachtung eines Nachtfalters, einer Schmetterlingspuppe, eines eilig strömenden Wasserlaufes.
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« Sie starb.
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Der obre Teil dieser ungeheuren Fensterscheibe wurde durch das Rankenwerk eines uralten Weinstocks, der an den massigen Mauern des Turmes emporkletterte, dunkel beschattet.
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Da geschah es, daß ich deutlich einen leisen Schritt über den Teppich zum Lager hinschreiten hörte, und eine Sekunde später, als Rowena den Wein an die Lippen führte, sah ich -- oder träumte, daß ich es sah --, wie, aus einer unsichtbaren Quelle in der Atmosphäre des Zimmers kommend, drei oder vier große Tropfen einer strahlenden, rubinroten Flüssigkeit in den Kelch fielen.
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Hier wurde ich geboren.
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mit jenem Meeresfelsen verglichen werden, von dem Ptolomäus Hephästion sagt, daß er allen menschlichen Angriffen widerstand, ja selbst der heftigen Wut von Wind und Wellen trotzte, der aber erbebte, sobald er mit der Blume Asphodelos berührt wurde.
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Aber schrecklich, o, schrecklich waren die tobenden Gedanken, die mich überstürzten, wenn ich des Kindes geistiger Entwicklung folgte.
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Ich hatte der Tochter niemals von der Mutter gesprochen; es war unmöglich, von ihr zu sprechen.
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Doch ich will fortfahren.
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Plötzlich traf das sanfte Murmeln eines Wassers mein Ohr, und einige Augenblicke später, als der Pfad mich noch überraschender als bisher um die Ecke führte, gewahrte ich, daß am Fuße eines gerade vor mir liegenden sanften Hanges irgendein Gebäude lag.
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Sie war vierzig Fuß lang und überspannte den Raum zwischen Ufer und Ufer in leichtem, doch gut wahrnehmbarem Bogen, der jede Schwankung ausschloß.
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Der Pfad schien hinter dem Tor einem natürlichen Felsensteig zu folgen und schlängelte sich allmählich an den nordöstlichen Klippen hinunter.
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für mich dieselben Begriffe, und was schließlich der Mann im Weibe wirklich liebt, ist einfach ihre Weiblichkeit.
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»Sie ist wärmer«, so sagte ich, »Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer Von Seufzern -- ein Seufzermeer; Sie sah es: die Träne wich Von diesen Wangen nicht mehr, Und vorbei am Löwenbild strich Als Lenker zu Himmeln sie her, Als Leiter zu Lethe sie her; Trotz des Löwen getraute sie sich, Uns zu leuchten so hell und so hehr -- Durch sein Lager hindurch wagte sich Ihre Liebe, so licht und so hehr.
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Ich erwiderte: »Traum ist dies Grauen! Laß uns weiter in Lichtes Pracht -- Laß uns baden in seiner Pracht! Es läßt mich die Hoffnung erschauen In kristallener Schönheit heut nacht -- Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht! O! man darf seinem Schimmern vertrauen, Es führt uns mit weisem Bedacht -- O! man muß seinem Schimmern vertrauen, Es lenkt uns mit treuem Bedacht, Da es flackert gen Himmel durch Nacht!« Ich beruhigte Psyche und gab Ihr Küsse und lockte sie vor -- Aus Bedenken und Dunkel hervor; Und wir schritten den Baumgang hinab, Bis am Ende uns anhielt das Tor Einer Gruft -- ein märchenhaft Grab.
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Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht, Geheimnisvoll, als sollte dies Gerede zu nichts anderm taugen Als nur zum Spiel; in ihren Augen Las ich, vielleicht zu unbedacht, Ein Fühlen, das Verstehen hieß.
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Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel.
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INHALT Ligeia 1 Berenice 29 Morella 51 Eleonora 63 Die Insel der Fee .