Ligeia und andere Novellen; Sieben Gedichte

By Edgar Allan Poe

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Blätter gewesen, die von ihren Gipfeln
in langen, bebenden Reihen niederhingen und mit dem Zephir tändelten.

Lange Jahre durchstreifte ich Hand in Hand mit Eleonora das Tal, ehe die
Liebe in unsere Herzen einzog. Es war an einem Abend in Eleonoras
fünfzehntem und meinem zwanzigsten Lebensjahre, da saßen wir, einander
eng umschlungen haltend, unter den Schlangenbäumen und blickten hinab in
den Fluß des Schweigens und auf unser Bild, das sich in seinen Wassern
spiegelte.

Wir sprachen nichts mehr an diesem süßen Tage, und selbst am andern
Morgen fand unsere Rede nur wenige zitternde Worte.

Wir hatten in den Wassern Gott Eros gefunden und ihn in uns aufgenommen,
und wir fühlten nun, daß durch ihn die feurigen Seelen unserer Vorfahren
in uns entzündet waren. Alle Leidenschaftlichkeit und blühende
Phantasie, die Jahrhunderte lang unser Geschlecht auszeichneten,
ergriffen unsere Herzen wie ein Rausch und hauchten in das Tal des
vielfarbigen Grases eine wahnsinnige Seligkeit. Alle Dinge veränderten
sich. Die Bäume, die nie vordem ein Blühen gekannt hatten, entfalteten
seltsame, sternförmige, strahlende Blüten. Das Grün des Rasenteppichs
vertiefte sich, und als -- eine nach der andern -- die weißen
Gänseblümchen dahinschwanden, brachen an ihren Orten rubinrote
Asphodelen auf -- zu zehn auf einmal. Und Leben regte sich auf unseren
Pfaden, denn der hohe, schlanke Flamingo, den wir bis dahin noch nie
gesehen, entfaltete vor uns sein scharlachfarbenes Gefieder, und mit ihm
kamen und glühten alle heiteren Vögel. Gold- und Silberfische belebten
den Fluß, und aus seinen Tiefen hob sich leise, doch lauter und lauter
werdend, ein Murmeln, das schließlich zu einer sanften, erhabenen
Melodie anschwoll, erhabener als der Sang aus des Äolus Harfe und süßer
als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme.

Und eine schwere, mächtige Wolke, die wir seit langem in den Regionen
des Abendsterns beobachtet hatten, setzte sich gemächlich in Bewegung.
Und durch und durch karmin- und golderglänzend lagerte sie sich über
unser Tal und sank Tag um Tag friedvoll tiefer und tiefer, bis ihre
Ränder auf den Gipfeln der Berge ruhten, deren nebelhaftes Grau sie in
Glanz und Pracht verwandelte. Und sie lagerte über uns und schloß uns
ein wie in ein zauberhaftes Gefängnis von seltsamer Herrlichkeit.

Der Liebreiz Eleonoras war der der Seraphim; aber sie war so schlicht
und unschuldig wie das kurze Leben, das sie inmitten der Blumen gelebt
hatte. Keine Arglist lehrte sie, die Inbrunst, die ihr Herz entflammte,
zu verbergen, und während wir miteinander im Tale des vielfarbigen
Grases wandelten und über all seine Veränderungen sprachen, enthüllte
sie mir die geheimsten Tiefen ihrer Seele.

Und eines Tages sprach sie unter Tränen von jener letzten traurigen
Veränderung, der alle Menschen unterworfen sind, und von nun an weilte
sie nur bei diesem einen

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Trotzdem aber wollte es mir nicht gelingen, dies Empfinden zu ergründen oder zu zergliedern; auch überkam es mich nicht stets in der gleichen Stärke.
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und bestimmte Stellen in Büchern durchschauerten mich in ähnlicher Art.
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« Sie starb.
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War es meine eigne fiebernde Einbildungskraft oder eine Wirkung der dunstigen Atmosphäre oder das trübe Dämmerlicht im Zimmer oder der Faltenfluß ihres grauen Gewandes, was ihr so verschwommene Konturen gab? Ich konnte es nicht sagen.
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Und dann -- dann, wenn ich,.
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»Mein Kind« und »mein Liebling« sind ja übliche Benennungen, wie Vaterliebe sie findet, und die strenge Abgeschlossenheit, in der sie lebte, schloß jeden weiteren Verkehr aus und machte einen anderen Namen überflüssig.
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Und dann -- zuletzt -- hob sich die mächtige Wolke von den Gipfeln der Berge, die wieder in ihr nebelhaftes Grau zurücktauchten, und schwamm gemächlich davon, den fernen Regionen des Abendsternes zu, und mit ihr verschwand das strahlende Gold und all die glänzende Pracht, mit der sie das Tal des vielfarbigen Grases überschüttet hatte.
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Ach, wie armselig war die Leidenschaft, die ich dem jungen Kinde im Tale des vielfarbigen Grases geschenkt hatte, wenn ich sie mit der Glut und dem Wahnwitz und den beseligenden Ekstasen verglich, in denen jetzt meine Anbetung emporjauchzte, mit dem trunkenen Schluchzen, in dem meine Seele zu Füßen der himmlischen Ermengard dahinschmolz! O, herrlich war der Engel Ermengard! Und vor dieser Erkenntnis versank alles andere.
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[5] Das andre oder östliche Ende der Insel war in schwärzeste Schatten gehüllt.
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jedoch ein leichter Wind, denn die Sonne war am Untergehen, und während ich auf dem Hügelkamm stehen blieb, zerteilte sich der Nebel in krause Fetzen und flutete über die Szene.
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Die Dächer der beiden größeren Bauten waren sehr steil -- glitten in einer langen konkaven Kurve vom First hernieder und griffen mindestens vier Fuß über die Frontmauern hinaus, so daß sie noch die Bedachung zweier Laubengänge bildeten.
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Der Nordflügel, den ich nun sah, bestand aus einem Schlafzimmer, dessen Tür in das Wohnzimmer führte.
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Sein Verstand war von der Art jener, denen das Erwerben von Kenntnissen weniger Anstrengung als Intention und Bedürfnis ist.
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Wer wollte es fertigbringen, die Farben der Tulpe wiederzugeben oder die Gestalt des Maiglöckchens zu verbessern?.
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Es hatte etwa zweihundert Meter Durchmesser und war bis auf eine einzige Stelle, die dem Boot bei seinem Eintritt genau gegenüber lag, von Hügeln eingefaßt, deren Höhe den Mauern der Schlucht entsprach, die aber ganz anders in der Anlage waren.
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Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt Von der schönen _Annabel Lee_, Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt Meiner schönen _Annabel Lee_; Und so jede Nacht lieg' zur Seite ich sacht Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht: Im Grabe da küsse ich sie, Im Grabe da küsse ich sie.
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« Doch Psyche hob warnend die Hand: »Fürwahr, ich mißtraue dem Schein Dieses Sterns -- seinem bleichen.
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Hört der Feuerglocken Klang -- Bronznen Klang! Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang! Wie ihr Schreien Schreck entfacht In durchbebter Luft der Nacht! Zu entsetzt, um klar zu sein, Können sie nur schrein, nur schrein, Ohne Takt Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer, Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer.
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Ein roteres Glimmen steigt heran -- Die Stunden halten den Atem an -- Und wenn die Stadt hinab, hinab Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen, Wird ihr von eintausend Thronen herab Der Gruß der Hölle tönen.
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