Ligeia und andere Novellen; Sieben Gedichte

By Edgar Allan Poe

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über geächtete, verderbliche Blätter
gebeugt, fühlte, wie ein verderblicher Geist sein Feuer in mir
entzündete, kam Morella und legte ihre kalte Hand auf meine heiße Hand
und entfachte aus der Asche einer toten Philosophie irgendwelche fast
bedeutungslosen, doch eigentümlichen Worte, deren seltsamer Sinn sich
flammend in mein Gedächtnis grub. Und dann -- dann ging ich Stunde um
Stunde nicht von ihrer Seite und berauschte mich am Wohlklang ihrer
Stimme, bis diese mir zum Überdruß und schließlich zum Entsetzen wurde
und schwarze Schatten sich auf meine Seele lagerten und bis ich
erbleichte und tief im Innern vor den fast überirdischen Lauten
schauderte. Und so wurden plötzlich Glück und Freude zu Entsetzen und
namenlosem Abscheu, und Schönheit weckte Grauen, so wie einst aus dem
Tale Hinnom das Gehenna geworden war.

Es ist unnötig, über die einzelnen Probleme, die jene alten Bücher in
uns anregten und die lange, lange Zeit fast das einzige Thema unserer
Gespräche bildeten, viel zu sagen. Alle die, welche etwas von
»theologischer Moral« verstehen, kennen diese Fragen gut, und jene, die
darin unerfahren sind, würden mich sicherlich kaum verstehen. Der wilde
Pantheismus Fichtes, die gemäßigtere Lehre der Pythagoräer von der
Wiederkunft und vor allem die Identitätsdoktrinen, wie Schelling sie
aufstellte, bildeten den hauptsächlichsten Stoff für unsere Diskussionen
und schienen die phantasievolle Morella am tiefsten und schönsten
anzuregen. Jene sogenannte persönliche Identität definiert Locke, wie
ich glaube, als das dauernde Bestehen eines jeden vernunftbegabten
Daseins. Und da wir unter »Person« ein intelligenz- und vernunftbegabtes
Wesen verstehen und da alles Denken stets von Bewußtheit begleitet ist,
so formt dieses beides gemeinsam unser »Ich« und unterscheidet uns durch
Verleihung unserer »persönlichen Identität« von anderen denkenden Wesen.
Doch das »principium individuationis«, der Begriff dieser Identität, die
mit dem Tode verloren oder nicht verloren geht, war mir stets ein
Problem von außerordentlicher Bedeutung, nicht allein wegen seiner
verwirrenden und aufregenden Konsequenzen, sondern auch wegen der
sonderbaren und eifrigen Art und Weise, in der Morella es behandelte.

Doch die Zeit war gekommen, in der das Geheimnisvolle im Wesen meines
Weibes mich wie ein Alp, ein Zauber bedrückte. Ich konnte die Berührung
ihrer bleichen Finger nicht ertragen, ich konnte den sanften Klang ihrer
tönenden Sprache, den Glanz ihrer melancholischen Augen nicht ertragen.
Und sie wußte all dies und hielt es mir doch niemals vor. Sie schien
meine Schwäche, meine Manie zu kennen und nannte es lächelnd
»Schicksal«. Selbst die mir unbekannte Ursache für meine sich steigernde
Abneigung schien sie zu kennen, doch machte sie nie eine Andeutung, die
mir auf die Spur geholfen hätte. Aber sie war Weib und härmte sich und
schwand hin und welkte von Tag zu Tag. Mit der Zeit erschien und blieb
auf ihren Wangen

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LOSS OF BREATH THE MAN THAT WAS USED UP.
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HYMN LENORE TO ONE IN PARADISE.